Mittwoch der Karwoche 2021

(Impulse aus dem Kloster Helfta, Episode 17)

Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. (Jes 50,6)

Das Entblößen des Gesichtes und dessen Misshandlung war zur Zeit Jesu etwas ganz anderes, als heute. Gerade wenn man die Leidensgeschichte mit den Augen des Evangelisten Markus liest, der ja von Anfang an auf das besondere Königtum Jesu verweist, wird das deutlich: Wer einem König ins Angesicht schaute, war des Todes. Weh mir, denn ich bin verloren, sagt der Prophet Jesaja (Jes 6,5). Um wieviel mehr ist im obigen Schrifttext nun der Gegensatz betont: Nicht nur, dass alle Jesus, diesem König, in seiner Erniedrigung ins Angesicht schauen können – nein – sie spucken ihn auch noch an und schlagen ihn, setzen ihm eine Dornenkrone aufs Haupt. Ein Krönungsritus wird parodiert mit verspottender Huldigung. Das sonst so Lebensgefährliche ist vielleicht noch ein zusätzlicher Reiz.

Vielleicht musste dieser Jesus in dieser Art Misshandlung auch die Wut der römischen Soldaten über dieses Land und die Stationierung darin entgegennehmen? Mit diesem König nun, konnte man machen, was man wollte. Wie groß ist doch die Versuchung, das ‚Es passiert nichts‘ zu testen! Vielleicht auch für uns? - Am Ende wird ein römischer Hauptmann bekennen: Wahrhaftig, dieser Mann war Gottes Sohn. (vgl. Mk 15,39)

Noch eine andere Frage schwingt mit: Was habt ihr sehen wollen? (Mt 11,7.8)

In der Passionszeit verhüllen wir unsere Kreuze. Im Laufe dieser Heiligen Woche werden unsere Kirchen immer leerer. Kein Schmuck, kein Kreuz und ab dem Gründonnerstag auch noch leere Tabernakel. Von Gott verlassen, unsere heiligen Stätten, und in diesem Jahr auch vielerorts noch obendrein von uns verlassen. Es ist kein Ort mehr da! Diese Art des Entbehrens kann uns schmerzen. Sie kann uns aber auch tiefer hineinführen in das Geschehen dieser Heiligen Woche, weil es uns diesmal ganz persönlich und auf ungewohnte Weise trifft, weil wir nun hautnah erfahren, was wir bisher nur rituell mitgestalteten. Denken Sie an die Geschehnisse der Hl. Schrift, an die babylonische Gefangenschaft als Zeit ohne Tempel. Und denken Sie an die Freude, die ein ganzes Volk ergriff, als ein neuer Tempel gebaut und geweiht werden konnte.

Wir machen eine Verhüllungserfahrung. Ob uns das neu sehen lehrt? Ob dieses neue Sehen auch mit unseren Mitmenschen funktionieren wird, wenn wir uns irgendwann einmal wieder ohne Maske begegnen dürfen? Ob das Auswirkungen hat auf das, was wir einander nicht nur mit den Augen zu sagen haben?

Mein Herz denkt an dein Wort: Suchet mein Angesicht. Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. (Ps 27,8)

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