Ein Hühnchen rupfen

(eine Anekdote aus dem Leben des Philipp Neri)

Von einer Frau, die jede Woche vor Philipp Neri erschien, um, immer mit derselben Gleichgültigkeit, zu beichten, sie habe sich übler Nachrede schuldig gemacht, wird folgende Geschichte berichtet:

“Meine Tochter”, sprach Philipp eines Tages zu ihr, “wenn Ihr einverstanden seid, so will ich Euch eine Buße auferlegen, die vom Üblichen abweicht. Sobald Ihr wieder einmal ein Huhn geschlachtet habt, um es zu verspeisen, packt es an den Beinen und wandert damit durch die Stadt bis zu einem der Tore von Rom, und von da aus solltet Ihr im Gehen das Huhn rupfen, bis kein Federchen mehr an ihm ist. Dann mögt Ihr nach Hause gehen.”

Die Woche vergeht, und wieder erscheint die brave Frau, um sich die Absolution zu holen, und wieder beschuldigt sie sich der üblen Nachrede.

“Habt Ihr, meine Tochter”, fragt Philipp, “getan, was ich Euch zur Buße auferlegt hatte?” - “Oh ja, mein Vater, ganz genau.” - “Nun, so werdet Ihr heute denselben Weg noch einmal gehen, alle Federn aufsammeln, die Ihr verstreut hab, und sie mir bringen.” - “Mein Vater, die sind doch nicht mehr da! Der Wind hat sie in alle Richtungen geweht. Ihr verlangt Unmögliches von mir.” - “Ebenso unmöglich wäre es, mein Kind, die bösen Worte zurückzunehmen, die Ihr den ganzen Tag über zum Schaden anderer verbreitet. Das wollte ich Euch mit dieser Buße klarmachen. Geht also und kommt nie wieder mit dieser nicht gutzumachenden Sünde - sonst wird Gott sie Euch nicht mehr vergeben.”