„Haltet inne und erkennt, dass ich Gott bin!“

(von P. Mauro-Giuseppe Lepori OCist.)


Liebe Brüder und Schwestern,

unsere zeitgenössische Gesellschaft kann nicht mehr stillstehen. Freiwillig stillstehen ist so gut wie unmöglich geworden in der heutigen westlichen, ja globalisierten Kultur. Nicht einmal in den Ferien halten wir wirklich an. Nur gerade unerwünschte Zwischenfälle können zu einer Pause in unserem atemlosen Streben, möglichst viel aus dem Leben, aus der Zeit, oft auch aus den anderen Personen herauszuholen führen. Jetzt aber hat uns ein solch unangenehmer Zwischenfall, die Epidemie, praktisch alle zum Stillstand gebracht. Unsere Pläne, unsere Vorhaben sind annulliert, und wir wissen nicht für wie lange.

(Dieses) Innehalten ist auch eine Gelegenheit die Gegenwart wieder zu entdecken, den Augenblick, den wir jetzt leben, die wahre Realität der Zeit, und somit auch die wahre Realität unserer selbst, unseres Lebens. Der Mensch lebt nur in der Gegenwart. Wir sind aber immer versucht, an der Vergangenheit, die nicht mehr ist, hängen zu bleiben, oder die Zukunft zu planen, die noch nicht ist und vielleicht gar nie sein wird.

Im Psalm 45 fordert Gott uns auf innezuhalten, um seine Gegenwart unter uns wahrzunehmen:

„Haltet inneund erkennt, dass ich Gott bin,erhaben über die Völker, erhaben auf Erden!Mit uns ist der HERR der Heerscharen, der Gott Jakobs ist unsre Burg.“(Psalm 45,11-12)

Gott bittet uns innezuhalten; er drängt es nicht auf. Er will, dass wir vor ihm innehalten, dass wir freiwillig, aus eigener Entscheidung, d.h. aus Liebe vor ihm bleiben. Er hält uns nicht an wie die Polizei, die einen flüchtigen Delinquenten festnimmt. Er will, dass wir innehalten wie vor einer geliebten Person, wie vor der zarten Schönheit eines schlafenden Neugeborenen oder vor einem Sonnenuntergang oder einem Kunstwerk, das uns mit Staunen und Stille erfüllt.

Gott bittet uns innezuhalten und zuerkennen, dass seine Gegenwart für uns das ganze Universum ausfüllt, dass sie das Wichtigste ist im Leben, das nicht übertroffen werden kann. Vor Gott innehalten bedeutet zu erkennen, dass seine Gegenwart den Augenblickfüllt und somit unser Herz vollkommen zufriedenstellt, in was für einer Situation wir uns auch immer befinden.


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