Ein Hühnchen rupfen

(eine Anekdote aus dem Leben des Philipp Neri)


Von einer Frau, die jede Woche vor Philipp Neri erschien, um, immer mit derselben Gleichgültigkeit, zu beichten, sie habe sich übler Nachrede schuldig gemacht, wird folgende Geschichte berichtet:

“Meine Tochter”, sprach Philipp eines Tages zu ihr, “wenn Ihr einverstanden seid, so will ich Euch eine Buße auferlegen, die vom Üblichen abweicht. Sobald Ihr wieder einmal ein Huhn geschlachtet habt, um es zu verspeisen, packt es an den Beinen und wandert damit durch die Stadt bis zu einem der Tore von Rom, und von da aus solltet Ihr im Gehen das Huhn rupfen, bis kein Federchen mehr an ihm ist. Dann mögt Ihr nach Hause gehen.”

Die Woche vergeht, und wieder erscheint die brave Frau, um sich die Absolution zu holen, und wieder beschuldigt sie sich der üblen Nachrede.

“Habt Ihr, meine Tochter”, fragt Philipp, “getan, was ich Euch zur Buße auferlegt hatte?” - “Oh ja, mein Vater, ganz genau.” - “Nun, so werdet Ihr heute denselben Weg noch einmal gehen, alle Federn aufsammeln, die Ihr verstreut hab, und sie mir bringen.” - “Mein Vater, die sind doch nicht mehr da! Der Wind hat sie in alle Richtungen geweht. Ihr verlangt Unmögliches von mir.” - “Ebenso unmöglich wäre es, mein Kind, die bösen Worte zurückzunehmen, die Ihr den ganzen Tag über zum Schaden anderer verbreitet. Das wollte ich Euch mit dieser Buße klarmachen. Geht also und kommt nie wieder mit dieser nicht gutzumachenden Sünde - sonst wird Gott sie Euch nicht mehr vergeben.”

Gebet

(von Gilbert von Hoyland)


Herr, ich eile voran

auf dem Weg deiner Gebote,

denn mein Herz machst du weit.


Du, der du den Himmel

ausgebreitet hast wie ein Zelt,

nimm von mir ganz sanft

das Dunkel meines Herzens,

alles, was tot und leblos in mir ist.


Glätte die Falten und Runzeln

meines Herzens, mache es weit

und empfindsam:

dass ich dich ohne Maß begehre,

dass ich dich ohne Maß ergreife,

dass diese heilige Begierde

immer größer werde,

dich bei mir aufzunehmen.

Die Fülle der Gottheit

(aus dem Brief an die Kolosser)


In Christus sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen.

Bleibt in Ihm verwurzelt und auf Ihn gegründet, gefestigt durch den Glauben, in dem ihr unterrichtet wurdet!

Seid voller Dankbarkeit!

Denn in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.

Durch Ihn seid auch ihr davon erfüllt.

Über das Gebet

(von Meister Eckhart)


Wäre das Wort Danke das einzige Gebet,

das Du je sprichst,

so würde es genügen.

Nestbau

(von Martin Luther)


Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen,

kannst du nicht ändern.

Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen,

das kannst du verhindern.

In meinem Element

(von Mechthild von Magdeburg)


Der Fisch kann im Wasser nicht ertrinken,

der Vogel in den Lüften nicht versinken,

das Gold ist im Feuer nie vergangen,

denn es wird dort Klarheit und leuchtenden Glanz empfangen.


Gott hat allen Kreaturen das gegeben,

dass sie ihrer Natur gemäß leben.

Wie könnte ich denn meiner Natur widerstehn?

Ich muss von allen Dingen hinweg zu Gott hingehn,

der mein Vater ist von Natur,

mein Bruder nach seiner Menschheit,

mein Bräutigam von Minnen,

und ich seine Braut ohne Beginnen.

Wähnt ihr nicht, ich würde diese Natur nicht fühlen?

Gelassen

(von Max Feigenwinter)


Ich schließe die Augen,

werde ruhig,

fühle mich

getragen,

gehalten,

geborgen.


Gestärkt nehme ich an,

was auf mich zukommt,

was mich fordert.


Gelassen nehme ich an,

was mir nicht entspricht,

mir nicht gelingt.


Dankend sage ich Ja

für dieses Leben,

das mir geschenkt ist.

Du bist ein tiefes Meer

(von Katharina von Siena)


Du, ewige Dreifaltigkeit,

bist ein tiefes Meer,

in dem ich immer Neues entdecke,

je länger ich suche.

Und je mehr ich finde,

desto mehr suche ich dich.

Segnet und werdet zum Segen

(Worte aus dem 1. Petrusbrief)


Hört nicht auf, einander von Herzen zu lieben.

Ihr seid neu gezeugt worden aus Gottes Wort, das lebt und das bleibt.

Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein und lasst euch zu einem geistigen Haus aufbauen.

Seid eines Sinnes, voll Mitgefühl und Liebe zueinander, seid barmherzig und demütig!

Vergeltet Böses nicht mit Bösem oder Schmähungen mit Schmähungen!

Im Gegenteil:

Segnet, denn dazu seid ihr berufen worden, dass ihr Segen erbt.

Gott und die Seele

(von Mechthild von Magdeburg)


Du leuchtest in meiner Seele

wie die Sonne auf dem Golde.

Herr, wenn ich in dir ruhen darf,

ist meine Wonne überreich.

Du kleidest dich mit meiner Seele,

bist selber auch ihr nächstes Kleid.

Wo Gott wohnt

(aufgeschrieben von Gertrud von Helfta)


Fürchte dich nicht,

sondern sei getröstet, stark und sicher.

Denn ich selbst, der Herr und Gott,

dein lieber Freund,

habe dich aus unverdienter Liebe

erschaffen und erwählt,

um in dir zu wohnen

und mich an dir zu erfreuen.

Gebet um ein brennendes Herz

(von John Henry Kardinal Newman)


O mein Gott, der Du Dich für uns ganz hingegeben hast.

Geh ein in mein Herz

mit Deinem Wesen und Deiner Person

und erfülle es mit Glut,

indem Du es mit Dir selbst erfüllst.

Du allein kannst die Seele des Menschen ausfüllen

und hast versprochen, es zu tun.

Du bist die lebendige Flamme,

die immer in Liebe für die Menschen glüht.

Komm in mein Herz und entflamme es

nach Deinem Vorbild und Beispiel.

Amen.

Ostermorgen

(ein Gedicht von Sr. Teresia Benedicta a Cruce - Edith Stein)


Dunkel ist des Grabes Nacht,

doch der heiligen Wunden Strahlen

brechen durch des Steines Schwere,

heben leicht und schwebend ihn beiseite;

aus des Grabes Dunkel steigt empor

hoch der lichtverklärte, glanzumstrahlte,

neu erstand’ne Leib des Menschensohnes.

Leise tritt er aus der Höhle

in die stille, morgenstille frühe Dämmerung.

Leichter Nebel deckt die Erde,

tief durchleuchtet wird er jetzt

von weißem Schimmer,

und der Heiland schreitet

durch das Schweigen

der vom Schlafe neu erwachten Erde.

Unter seiner heil’gen Füße Tritt

erblühen lichte, nie geschaute Blüten,

und wo leise sein Gewand den Boden anrührt,

leuchtet in smaragd’nem Schimmer auf die Flur.

Und von seinen Händen strömt der Segen

über Feld und Au in vollen, klaren Fluten,

und im Morgentau der Gnadenfülle strahlend,

jubelt die Natur dem Auferstand’nen,

als er stille zu den Menschen wandelt.

„Haltet inne und erkennt, dass ich Gott bin!“

(von P. Mauro-Giuseppe Lepori OCist.)


Liebe Brüder und Schwestern,

unsere zeitgenössische Gesellschaft kann nicht mehr stillstehen. Freiwillig stillstehen ist so gut wie unmöglich geworden in der heutigen westlichen, ja globalisierten Kultur. Nicht einmal in den Ferien halten wir wirklich an. Nur gerade unerwünschte Zwischenfälle können zu einer Pause in unserem atemlosen Streben, möglichst viel aus dem Leben, aus der Zeit, oft auch aus den anderen Personen herauszuholen führen. Jetzt aber hat uns ein solch unangenehmer Zwischenfall, die Epidemie, praktisch alle zum Stillstand gebracht. Unsere Pläne, unsere Vorhaben sind annulliert, und wir wissen nicht für wie lange.

(Dieses) Innehalten ist auch eine Gelegenheit die Gegenwart wieder zu entdecken, den Augenblick, den wir jetzt leben, die wahre Realität der Zeit, und somit auch die wahre Realität unserer selbst, unseres Lebens. Der Mensch lebt nur in der Gegenwart. Wir sind aber immer versucht, an der Vergangenheit, die nicht mehr ist, hängen zu bleiben, oder die Zukunft zu planen, die noch nicht ist und vielleicht gar nie sein wird.

Im Psalm 45 fordert Gott uns auf innezuhalten, um seine Gegenwart unter uns wahrzunehmen:

„Haltet inneund erkennt, dass ich Gott bin,erhaben über die Völker, erhaben auf Erden!Mit uns ist der HERR der Heerscharen, der Gott Jakobs ist unsre Burg.“(Psalm 45,11-12)

Gott bittet uns innezuhalten; er drängt es nicht auf. Er will, dass wir vor ihm innehalten, dass wir freiwillig, aus eigener Entscheidung, d.h. aus Liebe vor ihm bleiben. Er hält uns nicht an wie die Polizei, die einen flüchtigen Delinquenten festnimmt. Er will, dass wir innehalten wie vor einer geliebten Person, wie vor der zarten Schönheit eines schlafenden Neugeborenen oder vor einem Sonnenuntergang oder einem Kunstwerk, das uns mit Staunen und Stille erfüllt.

Gott bittet uns innezuhalten und zuerkennen, dass seine Gegenwart für uns das ganze Universum ausfüllt, dass sie das Wichtigste ist im Leben, das nicht übertroffen werden kann. Vor Gott innehalten bedeutet zu erkennen, dass seine Gegenwart den Augenblickfüllt und somit unser Herz vollkommen zufriedenstellt, in was für einer Situation wir uns auch immer befinden.


vollständigen Brief lesen

Gebet in der Coronakrise

(von Johannes Hartl)


Herr, wir bringen Dir alle Erkrankten und bitten um Trost und Heilung.
Sei den Leidenden nahe, besonders den Sterbenden.
Bitte tröste jene, die jetzt trauern.
Schenke den Ärzten und Forschern Weisheit und Energie.
Allen Krankenschwestern und Pflegern Kraft in dieser extremen Belastung.
Den Politikern und Mitarbeitern der Gesundheitsämter Besonnenheit.
Wir beten für alle, die in Panik sind.
Alle, die von Angst überwältigt sind.
Um Frieden inmitten des Sturms, um klare Sicht.
Wir beten für alle, die großen materiellen Schaden haben oder befürchten.
Guter Gott, wir bringen Dir alle, die in Quarantäne sein müssen, sich einsam fühlen, niemanden umarmen können. Berühre Du Herzen mit Deiner Sanftheit.
Und ja, wir beten, dass diese Epidemie abschwillt, dass die Zahlen zurückgehen, dass Normalität wieder einkehren kann.

Mach uns dankbar für jeden Tag in Gesundheit.
Lass uns nie vergessen, dass das Leben ein Geschenk ist.
Dass wir irgendwann sterben werden und nicht alles kontrollieren können.
Dass Du allein ewig bist.
Dass im Leben so vieles unwichtig ist, was oft so laut daherkommt.
Mach uns dankbar für so vieles, was wir ohne Krisenzeiten so schnell übersehen.
Wir vertrauen Dir.
Amen.

An den Tagen, an den wir keine Heilige Messe feiern können, schließen wir an dieses Gebet ein Gesätz des Rosenkranzes und gemeinsames stilles Gebet an.
Beten auch Sie mit - Gebet hat große Kraft!

Quarantäne

(Text von P. Richard Hendrick OFM, Übertragung aus dem Französischen: P. Bruno Robeck OCist.)

Ja, es herrscht Angst.

Ja, es gibt Isolation.

Ja, es gibt Panikeinkäufe

Ja, unter uns ist viel Leiden.

Ja, unter uns ist sogar der Tod.

Aber, so heißt es in Wuhan,

nach so vielen Jahren des Lärms

kann man wenigstens die Vögel hören.

Es heißt, dass der Himmel nach diesen Wochen des Stillstands

nicht mehr voll Smog ist. Er ist blau, grau und hell.

Man sagt, dass die Menschen singen

auf den Straßen von Assisi, auf den leeren Plätzen.

Sie lassen ihre Fenster offen, so dass diejenigen, die allein sind,

den Alltag der Familien in ihrer Nachbarschaft miterleben können.

Man sagt, dass es im Westen Irlands ein Hotel gibt,

das kostenlose Mahlzeiten anbietet

und sie an Menschen verteilt, die unter Quarantäne gestellt sind.

Heute ist eine junge Frau, die ich kenne,

damit beschäftigt, Flugblätter mit ihrer Telefonnummer zu verteilen,

damit ältere Menschen sie anrufen können.

Heute bereiten sich Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel

darauf vor, die Obdachlosen, Kranken und Erschöpften

willkommen zu heißen und ihnen zu helfen.

Überall auf der Welt

werden die Menschen langsamer und nachdenklicher.

Überall auf der Welt

sehen die Menschen ihre Mitmenschen mit anderen Augen.

Überall auf der Welt entdecken die Menschen eine neue Wirklichkeit:

Ihnen wird bewusst, wie wunderbar der Mensch ist.

Ihnen wird bewusst,

wie wenig Kontrolle der Mensch über sein Leben hat.

Ihnen wird bewusst, was wirklich zählt: zu lieben.

Vor diesem Hintergrund Grund beten wir und vergessen nicht,

dass es viel Angst gibt. Aber es darf keinen Hass geben.

Ja, es gibt Isolation, aber die Menschen sollen nicht einsam werden.

Ja, es gibt Panikeinkäufe,

aber die Menschen sollen nicht selbstsüchtig werden.

Ja, es gibt viel Leiden mitten unter uns,

aber Herz und Seele sollen gestärkt werden.

Ja, sogar der Tod ist mitten unter uns.

aber er wid es nicht schaffen, die Liebe zu zerstören.

Du kannst entscheiden, wie Du heute lebst.

Nimm die Verantwortung für Dein Leben ernst.

Du lebst und atmest heute.

Und höre genau hin.

Hinter dem Lärm, den deine Ängste produzieren, singen die Vögel wieder.

Der Himmel reißt auf, der Frühling kommt,

und wir sind immer noch von der Liebe umgeben.

Öffne die Fenster deiner Seele

und sollte es dir nicht gelingen, dann akzeptiere die Leere

und singe in sie hinein.

Singe.