Zwischen den Jahren

Das Hochfest der Geburt Christi liegt hinter uns. Das Fest, das so sehr wie kein anderes für Familie, für Liebe und Frieden steht. In den Tagen der Weihnachtsoktav, die mit dem ersten Januar ihren Abschluss findet, schauen viele zurück auf das vergangene Jahr. Was ist alles geschehen? Welche schönen, welche schwierigen Momente habe ich erlebt?

Einige Menschen fassen in diesen Tagen Vorsätze und Pläne für das kommende Jahr. Und manch einer wünscht sich vielleicht nur, dass es ein besseres Jahr werden möge, als das Vergangene.

Wie Gott gekommen ist

Sollten sich Ihre Wünsche nicht sofort erfüllen, dann kann vielleicht der folgende Auszug aus dem Buch “Warum Christ sein” von Timothy Radcliffe eine Hilfe - ein Gedankenanstoß - sein:

Warum kann uns Gott nicht einfach jetzt geben, wonach wir uns sehnen: Gerechtigkeit für die Armen und vollkommenes Glück für alle? Fast 2000 Jahre sind vergangen seit der Auferstehung, und wir warten immer noch auf das Reich Gottes. Warum?

Ein Grund dafür, warum Gott so viel Zeit braucht, ist, dass er kein Gott im üblichen Sinne ist. Unser Gott ist nicht mächtig, kein himmlischer Superman, der von außen in unsere Welt heinplatzt. Das Kommen Gottes ist nicht die Kavallerie, die angeritten kommt, um uns zu retten. Gott kommt von innen, in unserer tiefsten Innerlichkeit. Er ist uns, so Augustinus, näher, als wir uns selbst sind, oder, wie der Qu’ran sagt, näher als unsere Halsschlagader.

Gott kommt zu uns, wie ein Kind zu einer Mutter kommt, in der Tiefe ihres Seins und sie langsam verwandelnd. Alles andere wäre Gewalt, eine Vergewaltigung. Wir sind körperliche Wesen, und als solche leben wir in der Zeit. So wie es neun Monate für eine Schwangerschaft braucht, braucht es seine Zeit, damit ein gebrochener Knochen wieder zusammenwächst und Fieber abklingt. Heilen und Wachsen brauchen Zeit. Wir brauchen Geduld, weil Gott nicht als äußerer Akteur zu uns kommt, sondern in der tiefsten Intimität unseres körperlichen Seins, das in der Zeit lebt. Unsere Hoffnung liegt auf dem Gott, der Mensch wird und der den Rhythmus unseres Lebens achtet.

Gottes Kommen war nicht einfach die Geburt eines Kindes; es war das Kommen eines Wortes. Man könnte sogar sagen, es war das Kommen einer Sprache. Die englische Sprache brauchte Hunderete von Jahren, bis sie soweit war, dass Shakespeare seinen Hamlet schreiben konnte. In ähnlicher Weise brauchte es Tausende von Jahren, bis es eine Sprache gab, in der Gottes Wort in der Gestalt Jesu gesprochen werden konnte. Wir brauchten all diese Erfahrungen der Befreiung und des Exils, des Aufbaus und der Zerstörung von Königreichen. Wir brauchten unzählige Propheten und Schriftgelehrte, Dichter und Eltern, die um Worte rangen, bevor Jesus geboren werden konnte als das Wort. Das Wort Gottes kommt nicht vom Himmel wie ein überirdisches Esperanto: Es steigt auf aus der menschlichen Sprache. Die Geburtswehen des Wortes begannen, als die ersten Menschen zu sprechen anfingen.

Wenn wir jetzt um das Kommen des Gottesreiches beten - oder vielleicht nur um das Ende der Kopfschmerzen oder die Aussicht auf Arbeit -, dann antwortet Gott nicht wie ein himmlischer Magier, der im Nu Lösungen herbeizaubert. Oft kommt Gott heimlich und unsichtbar, mit unendlichem Respekt für den Rhythmus unseres menschlichen Lebens.

Blumenschmuck in der Klosterkirche